Besuch auf dem Friedhof der Zukunft
Statt Menschen mit teurem Marketing davon zu überzeugen, an Althergebrachtem festzuhalten, hat die Kunstgießerei Strassacker in Süßen einen anderen Weg gewählt. In Zusammenarbeit mit Friedhofsgärtnern, Bestattern und Steinmetzen, aber auch mit Psychologen, Theologen und Landschaftsarchitekten, versuchen Günther Czasny und seine Kollegen zu verstehen, wie sich die Trauerkultur ändert. Sie wollen wissen, was die Menschen von einem Friedhof erwarten und wie die verschiedenen Branchen ihre Geschäftsmodelle anpassen können.
Entstanden ist so die Initiative „Raum für Trauer“.
Seit 2023 ist der "Campus Vivorum" als weltweit erstes Experimentierfeld zum Friedhof der Zukunft auf dem Betriebsgelände der Kunstgiesserei zu begehen.
Tag des Friedhofs - ein Erfolgsmodell für viele Orte
Am Sonntag, 22. September 2024 veranstaltete die Stadt Vaihingen an der Enz gemeinsam mit verschiedenen Partnern einen Tag des Friedhofs. Von 15 bis 18 Uhr wurde der Stadtfriedhof in der Steinbeisstraße zum Treffpunkt für Interessierte rund um das Thema "Friedhof“. Der Aktionstag will Friedhöfe als sozial, kulturell und ökologisch wertvolle Orte im Bewusstsein der Gesellschaft verankern.
Auf Anregung der Kontaktstelle Trauer im Landkreis Ludwigsburg gaben Stadt, Initiativen, Kirchen und andere Organisationen Einblicke in die Vorder- und Hintergründe eines Friedhofs. Aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchteten drei Führungen die Aspekte Verwaltung, Spiritualität und Historie. Dazu standen Engagierte aus dem Vahinger Team Trauerarbeit und der Hospizgruppe, sowie des Bestattungsunternehmens und der Gärtnerei allen Fragenden zum Gespräch zur Verfügung.
Oberbürgermeister Uwe Skrzypek eröffnete den Tag um 15 Uhr an der Friedhofskapelle. Christine Seyfried von der Stadt Vaihingen ging der Frage nach, welche Bestattungsformen jetzt und in Zukunft in Vaihingen und seinen Stadtteilen möglich sein werden.
„Friedhofsspaziergang spirituell“ lautete das Motto der Führung mit Trauerbegleiter Wolfgang Müller von der Kontaktstelle Trauer des Katholischen Dekanats Ludwigsburg. Er zeigte dabei Veränderungen in der Friedhofskultur auf. Danach gab Eberhard Steinhilber einen Überblick über die Historie des Friedhofs und bedeutende Persönlichkeiten, die hier bestattet sind.
Gegen 17.30 Uhr endete der Tag mit einem Konzert in der Friedhofskapelle mit der Sopranistin Simone Jakob, Volker Braun am Klavier und Texten von Wolfgang Müller.
Initiiert wurde der „Tag des Friedhofs" von der Kontaktstelle Trauer des katholischen Dekanats im Landkreis Ludwigsburg. Gemeinsam mit Friedhofsgärtnern, Steinmetzen, Bestattern, Floristen, den Städten und Kommunen sowie Religionsgemeinschaften und Vereinen entwickelt sich dieser Aktionstag zu einem vielbeachteten Event. Jeweils am zweiten oder dritten Septemberwochenende nehmen bundesweit inzwischen tausende Menschen an Aktionen zum Thema „Friedhof“ teil. Der Tag setzt sich für den Erhalt und die Weiterentwicklung der Friedhöfe ebenso ein wie für die aktive Kulturpflege und für den Dialog der Religionen.
Die Kontaktstelle Trauer des katholischen Dekanats Ludwigsburg fördert diese Entwicklungen für den Landkreis mit Aktionen und Impulsen mit dem Ziel, Menschen die Bedeutung des Friedhofs als Ruhestätte, Ort der Trauerbewältigung, Erholungs- und Lebensraum näherzubringen. Dabei soll der Umgang mit den Themen Tod und Trauer enttabuisiert werden.
Sie hätten Lust, den "Tag des Friedhofs" auch an Ihrem Wohnort durchzuführen? Nichts leichter als das - Mail an Wolfgang Müller genügt :-)
Friedhöfe der Zukunft sind gar nicht mehr so traurig.
Es ist einiges in Bewegung in der deutschen Friedhofslandschaft: ein aus Asche gepresster Diamant statt eines Sarges, ein Grabstein ohne Kreuz, aber dafür mit einem QR-Code, leere Grabfelder aufgrund von immer häufigerer Urnenbestattung ...
"Die Friedhofslandschaft ist ganz klar in einer Krise", lautet die Diagnose des Regensburger Moraltheologen Rupert Scheule. Und diese Krise ist sogar sichtbar. Viele Friedhöfe werden immer leerer. Immer mehr Menschen lassen sich nicht mehr im Sarg bestatten, sondern greifen auf die geld- und platzsparende Variante der Urne zurück. Während es in der Bundesrepublik 1960 noch rund 90 Prozent Erd- und 10 Prozent Feuerbestattungen gab, hat sich der Trend inzwischen umgekehrt.
Doch die Friedhöfe werden nicht nur leerer. Auch aus einem anderen Grund machen einige von ihnen einen optisch wenig vorteilhaften Eindruck. Da die Gräber immer unterschiedlicher gestaltet werden, herrsche bisweilen eine Art Durcheinander.
Künftig, das sagen alle Experten, müssten sich die Friedhöfe mehr nach außen öffnen. "Der Tod gehört zum Leben und darf nicht mehr nur hinter hohe Friedhofsmauern verbannt werden", so Scheule. Auf dem Hauptfriedhof in Karlsruhe gibt es seit einigen Jahren inmitten der Gräber einen besonderen Spielplatz. Ein Teil funktioniert ganz normal, ist mit Schaukel, Sandkasten und Klettergerüst ausgestattet. Auf der anderen Hälfte gibt es zwar auch Spielgeräte, aber im Sandkasten befindet sich Zement, die Schaukeln sind arretiert – Symbole, die Kindern nahebringen sollen, was der Tod bedeutet.
Der freiwerdende Platz könnte laut den Experten verstärkt für (Trauer-)Cafés und Trauerzentren genutzt werden. Sie könnten einerseits auch Menschen anlocken, die sonst nicht auf den Friedhof kommen würden und so die Trennung zur Außenwelt durchbrechen. Andererseits könnte hier verstärkt Fachpersonal angesiedelt sein, seien es Seelsorger oder —für Menschen, die keine kirchliche Begleitung haben möchten — "säkulare" Trauerbegleiter. Sie könnten Angebote wie spezielle Trauerkurse machen oder einfach nur als Gesprächspartner für die Trauernden da sein. Rupert Scheule sieht da einen großen Bedarf: "Wenn Sie über den Friedhof gehen und als Priester oder Seelsorger zu erkennen sind, dann erzählen Ihnen Menschen in kürzester Zeit ihre Trauer- und vielleicht sogar Lebensgeschichte", so lautet seine Erfahrung.
Generell sehen die Experten noch Aufholbedarf, wenn es um qualifiziertes Personal rund um das Thema Tod und Trauer geht. An der Uni Bonn können Studierende, die in Soziologie oder Evangelischer Theologie eingeschrieben sind, ab diesem Wintersemester eine Zusatzqualifikation zur "Religionssensiblen Trauerbegleitung am Arbeitsplatz" durchlaufen. Und an der Uni Regensburg, wo Rupert Scheule lehrt, gibt es ab dem kommenden Sommersemester einen neuen interdisziplinären Masterstudiengang. "Perimortale Wissenschaften" heißt dessen etwas geheimnisvoller Titel. Mediziner, Theologen und Absolventen anderer Fachrichtungen lernen hier in zwei Jahren einen ganzheitlichen Umgang mit dem Tod.
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Spirituelle Friedhofsbegehungen fanden im Landkreis in Hemmingen (2022), Korntal (2023) und Ditzingen (2024) statt. Das Format kann gerne auch an andere Orten übertragen werden - sprechen Sie uns an!
Die CHARTA Friedhofskultur formuliert den Wert der Friedhofskultur für die Menschen und unsere Gesellschaft. Sie definiert zugleich ein gemeinsames Begriffsverständnis für den öffentlichen Diskurs zum Thema Friedhofskultur, zeigt den Facettenreichtum dieses Kulturguts auf und setzt ein deutlich sichtbares Zeichen für den Erhalt und die Weiterentwicklung unserer Friedhöfe.
Die wichtigen Institutionen und Verbände des deutschen Friedhofswesens haben die CHARTA Friedhofskultur gemeinschaftlich aufgesetzt und im Rahmen eines Festakts am 18.11.2021 unterschrieben. Jetzt sind alle Kräfte im deutschen Friedhofswesen zusammen mit den Städten und Gemeinden aufgerufen, der Charta beizutreten, um klar und sichtbar für die Friedhöfe einzutreten
■ Jeder Mensch hat das Recht auf eine würdevolle Bestattung auf dem Friedhof und ein anerkennendes Gedenken.
■ Die Friedhofskultur in Deutschland ist ein unverzichtbarer Teil unseres gesellschaftlichen Lebens.
■ Unsere gewachsenen Trauerrituale – mit der Beisetzung auf dem Friedhof als zentralem Handlungsrahmen – sichern in zeitgerechter Form den würdigen Abschied und helfen Menschen, Tod und Trauer zu verarbeiten.
■ Als Orte der Begegnung und des gemeinsamen Erinnerns sind Friedhöfe unersetzbare soziale Räume, die allen zugänglich sind.
■ Friedhöfe sind identitätsstiftende Kulturräume unserer pluralistischenGesellschaft mit großer verbindender Kraft.
■ Friedhöfe bieten Menschen wertvollen Raum, ihren Glauben zu leben und zu gestalten.
■ Als Grünanlagen tragen Friedhöfe aktiv zum Klima- und Naturschutz bei und sind Orte der Biodiversität.
■ Gräber als kleine Gärten der Erinnerung mit einem Gedenkstein zu gestalten, ist eine einzigartige Kulturform, die Wertschätzung gegenüber Verstorbenen ausdrückt und Trauer durch aktives Handeln unterstützt.
■ Als sich selbst stets fortschreibende Geschichtsbücher sind Friedhöfe von hoher historischer Bedeutung und denkmalgerecht zu pflegen.
■ Grabstätten und Denkmäler für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft sind tragende Säulen der Erinnerungskultur, die zum Frieden mahnen sowie zur Verständigung zwischen Nationen und Kulturen beitragen.
■ Die Friedhofskultur in Deutschland als Immaterielles Kulturerbe im Sinne der UNESCO zu erhalten, an den Bedürfnissen der Menschen auszurichten und weiterzuentwickeln, ist eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung.
mehr unter https://www.kulturerbe-friedhof.de/
Hoffnungspfad auf dem Friedhof in Kornwestheim
Auf dem Friedhof finden Besucherinnen und Besucher seit Kurzem den sogenannten "Hoffnungspfad" – einen Rundgang, der über den gesamten Friedhof führt.
Die verschiedenen Stationen geben Impulse und Hintergründe zu Skulpturen und Gräbern, Bäumen und Orten, die alle in Verbindung mit dem Kornwestheimer Friedhof stehen. Jede Tafel ziert dabei ein passendes Gedicht, mit dem die Besucherinnen und Besucher ganz unterschiedliche Erinnerungen verbinden. Stadtarchivarin Natascha Richter hat gemeinsam mit Monika Sailer, Leiterin der Ökumenischen Hospizgruppe Kornwestheim, und Annette Rüb, Pfarrerin der Evangelischen Kirche, die Inhalte für die Tafeln erarbeitet.
Auf dem Friedhof gibt es bereits das Begegnungscafé, das die Stadt gemeinsam mit der Ökumenischen Hospizgruppe Kornwestheim betreibt. Das Café bietet die Möglichkeit für Gespräche mit anderen Trauernden, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben.
Für den Rundgang steht ein Flyer zur Verfügung, der den Weg sowie die Stationen abbildet. Dieser liegt in der Friedhofsverwaltung und im Begegnungscafé zum Mitnehmen aus.
Quelle: Stadt Kornwestheim














